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Stolpersteinverlegung

Am Montag, 1. Dezember 2014, wurden auch in Gerolzhofen die ersten sogenannten Stolpersteine verlegt. In der Marktstraße 7 erinnern von nun an drei kleine Messingplatten auf Pflasterquadern an die jüdische Familie Meta, Max und Paul Henle, die hier einst lebten und im Zweiten Weltkrieg von den Nazis deportiert und ermordet wurden.

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Erstmals wird jetzt auf diese Weise auch in Gerolzhofen an einst von den Nazis verschleppte und ermordete jüdische Mitbürger erinnert. Hierzu bedurfte es allerdings eines längeren Anlaufs.

Ihr Leben millionenfach auszulöschen, das ist den Nationalsozialisten auf barbarische Weise gelungen. Was Adolf Hitler und seine Nazi-Schergen aber nicht geschafft haben, ist die Erinnerung an die in den Vernichtungslagern umgebrachten Menschen jüdischen Glaubens zu verhindern und damit auch ihre Namen auszulöschen. Ganz im Gegenteil. Auch in Gerolzhofen hat jetzt gut 70 Jahre später auf Initiative des KulturForums die Erinnerungskultur an die einstigen jüdischen Mitbürger durch die Verlegung der ersten Stolpersteine für Max, Meta und Paul Henle in der Marktstraße An Anwesen Nr. 7 Einzug gehalten.

Zu ihrem Gedenken wurden vor der dortigen Boutique zwischen der Eisdiele und dem Schuhhaus drei dieser Symbole in den Gehsteig eingelassen. Max, Meta und Paul Henle wohnten in diesem Haus und hatten hier in Gerolzhofen ihre Heimat, bevor der Nazi-Terror ihr Leben brutal auslöschte. Die heutigen Hausbesitzer, Armin und Heidemarie Bacher, hatten dem Mahnprojekt von Anfang an aufgeschlossen, engagiert und mit großer Sympathie gegenüber gestanden.

Die Stolpersteine stammen von dem Kölner Künstler Gunther Demnig. Es sind quadratische, mit einer Messingplatte versehene Steine, auf denen neben dem Namen das Geburts- und Todesdatum der Opfer eingeschlagen sind. Demnig hat inzwischen bereits 49 000 Stück im Rahmen seines Kunstprojektes in Deutschland und im Ausland verlegt. Auch in Gerolzhofen griff er persönlich zu Hammer, Keller und Besen.

„In Gerolzhofen sind meine Wurzeln“

Eigens zur Verlegung der Platten waren zwei Nachfahren der Familien Henle-Lichtenauer nach Gerolzhofen gekommen. Mauricio Lichtenauer, ein Großneffe, hatte sogar mit seiner Frau Nelly den weiten Weg aus Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires nach Gerolzhofen auf sich genommen. Meta Henle war eine geborene Lichtenauer. Mauricio Lichtenauer, sein Großvater Moritz (daher Mauricio) und Meta Lichtenauer waren Geschwister, zeigte sich sehr beeindruckt von der würdigen Zeremonie und der dem Anlass angepassten kleinen Feier zur Verlegung der Stolpersteine für seine Vorfahren. Er betonte sichtlich ergriffen: „Hier in Gerolzhofen sind meine Wurzeln. 20 Jahre lang hatte ich nach dem Tod meines Vaters, der nur sehr wenig über die damalige Zeit erzählt hatte, danach gesucht. Um so glücklicher bin ich jetzt.“

Mit dem Argentinier war sein Cousin dritten Grades, David Lichtenauer, nach Gerolzhofen gekommen. Beide trafen sich zum ersten Mal persönlich. Der in Kolumbien aufgewachsene und inzwischen in Nürnberg lebende David Lichtenauer entstammt der Linie, die einst in der Bahnhofstraße lebte.

Den Auftakt der Stolpersteinverlegung machte eine kurze Einführung durch das Beiratsmitglied des KulturForums, Evamaria Bräuer. Sie, die ausgewiesene Kennerin des jüdischen Glaubens und der jüdischen Gemeinde, wies daraufhin, dass „der Weg dahin kein einfacher und lang war.“ In der Tat hatte es mehrere Anläufe bedurft. Zuletzt war 2006 ein diesbezüglicher Vorstoß im Stadtrat gescheitert. Man sollte sich der Glanzlichter und Schandflecken der deutschen Geschichte bewusst sein, so Evamaria Bräuers Credo.

Gerolzhofens Bürgermeister Thorsten Wozniak würdigte die kontrovers, aber ehrlich geführte Diskussion im Stadtrat. Mit dieser Stolpersteinverlegung verändere sich die Erinnerungskultur in der Stadt. Die Stolpersteine seien an der viel begangenen Engstelle zwar eher zufällig, aber passend an zentraler Stelle platziert, mitten im Herzen der Altstadt und genau dort, wo die Henles gelebt haben.

Wozniak forderte dazu auf, diesen Tag zum Anlass zu nehmen, „uns daran zu erinnern, dass wir alle immer wieder aufs Neue zu einer Zukunft in Frieden und Freiheit betragen können, indem wir unsere Lehren aus der Vergangenheit ziehen und für Toleranz und Verständigung einstehen.“

Schweinfurts stellvertretender Landrat Peter Seifert ging zugleich im Namen von Landrat Florian Töpper besonders auf die Bedeutung der hiesigen jüdischen Gemeinden ein. Sein Appell an die Jugend lautete: „Bleibt dabei und gebt es weiter.“

Die Schüler Fanny Seßler, Anna-Lena Ries, Anne Keilholz, Lena Ludwig und Nina Piller der Klasse 9c der Ludwig-Derleth-Realschule verlasen die Biografien von Meta, Max und Paul Henle. Die Klasse ist über den bilingualen Englisch- und Geschichtsunterricht mit Lehrerin Daniela Mack in das Projekt eingebunden. Neben den Realschülern wohnten auch Schüler des Gerolzhöfer Gymnasiums, zahlreiche interessierte Bürger sowie mit Paula Fellner und Robert Maria Schmitt zwei ehemalige Klassenkameraden von Paul Henle der Stolpersteinverlegung bei.

Für die musikalische Umrahmung sorgten Klarinettist Sepp Hauck (Michelau), am Klavier begleitet von Elke Friedl, mit dem Titelsong von John Williams aus dem Film „Schindlers Liste“.

Steine wurden gespendet

Kosten entstehen der Stadt durch die Stolpersteine übrigens auch so gut wie keine. In Gerolzhofen hat sich nämlich unter dem Dach des KulturForums eine Initiative zu ihrer Verlegung gebildet. So hatten der frühere CSU-Bundestagsabgeordnete und Bundeswirtschaftsminister Michael Glos, der SPD-Ortsverein und die Stadtratsliste Geo-net die Patenschaften zum Auftakt der Aktion übernommen: Glos für den Stein der in seiner Heimatgemeinde Brünnau geborenen Meta Henle, geb. Lichtenauer, die SPD für den der Sozialdemokratie nahestehenden Max Henle und Geo-net für den von Paul Henle.

Michael Glos, der SPD-Ortsvereinsvorsitzende Lukas Bräuer und Thomas Vizl für Geo-net legten schließlich als Steinpaten jeweils eine Rose an den neu verlegten Stolpersteinen nieder. Mit der Entzündung von Lichtern gedachten Mauricio und David Lichtenauer den Opfern des Nazi-Terrors aus ihren Familien.

Unterdessen hat der neu gewählte Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster (Würzburg), am Montag den „Stolperstein“-Künstler Gunter Demnig kritisiert. Zum einen verstehe er nicht, weshalb Demnig seit kurzem auch Steine für Menschen verlege, die den Nazi-Terror überlebt hätten. Regelrecht verstört habe ihn aber eine zweite Entwicklung, erläuterte Schuster. Auf einigen Stolpersteinen verwende Demnig die Terminologie der Nationalsozialisten. Auch wenn er die Begriffe in Anführungszeichen setze, könne man heute kaum noch voraussetzen, "dass jeder Passant weiß, was mit 'Rassenschande' gemeint war", fragte Schuster. Zudem seien die Angehörigen der Opfer durch die Wortwahl "oft tief verletzt". Demnig möchte damit zweifelsohne Fragen aufwerfen und damit zur vertieften Auseinandersetzung mit dem Thema motivieren. Dies dürfe aber nicht auf Kosten der Opfer und Hinterbliebenen geschehen.

Quelle: mainpost.de Autor: Norbert Vollmann

 

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